Auf der Karibikinsel Barbados gibt es ein aus Stein erbautes Grabmal, das in den Kalkfelsen einer Landspitze unterhalb der Oistin-Bucht eingelassen ist. Es enthält den Holzsarg einer gewissen Mrs. Thomasina Goddard, die dort am 31. Juli 1807 beerdigt wurde, und ist mit einer Marmorplatte versiegelt.
1808 ging die Stätte in die Hände der Familie Chase über, Pflanzer, die auf ihren Plantagen Sklaven beschäftigten. Gleich im ersten Jahr, es war der 22. Februar 1808, mussten die Chases das Grab öffnen, um ihre junge Tochter Mary Ann beizusetzen. Vier Jahre später, am 6. Juli 1812, folgte dann die zweite Tochter, Dorcas. Einen Monat später starb auch der Vater der Mädchen, Thomas Chase.
Als das Grab geöffnet wurde, um seinen Sarg zu empfangen, sahen die entsetzten Trauergäste, dass die tonnenschweren Bleisärge der Mädchen an einer der Wände hochkant gestellt worden waren. Mrs. Goddards Sarg hingegen stand noch immer dort, wo er stets gestanden hatte. Es gab keinerlei Anzeichen von einem Einbruch.
Acht Männer trugen den Bleisarg von Thomas Chase in das Grab hinein und stellten die Särge mit den Mädchen wieder an ihren ursprünglichen Ort zurück. Steinmetze zementierten dann die Eingangsplatte wieder wie vorher ein.
Chaos in der Gruft
Doch als vier Jahre später, im September 1816, die Platte für die Bestattung eines Jungen aus der Verwandtschaft, Samuel Brewster Ames, abgenommen wurde, wiederholte sich das Phänomen – die Bleisärge standen kreuz und quer – selbst der von Thomas Chase, der eigentlich nur mithilfe von zwei Männern von der Stelle zu bewegen war.
Lediglich der Holzsarg von Mrs. Goddard war wiederum unberührt geblieben. Nachdem im Grab wieder Ordnung hergestellt worden war, prüfte man die Wände und die Decke, und die Platte wurde ein weiteres Mal in ihrer exakten Lage einzementiert.
Zwei Monate später entsetzte derselbe Anblick die Betrachter, als ein weiterer Bleisarg in dem Grab beigesetzt wurde. Es handelte sich um Samuel Brewster senior, den Vater des kleinen Samuel Brewster Ames, der während des gescheiterten Sklavenaufstandes im April 1816 ums Leben gekommen war. Die Bleisärge in der Gruft waren ganz offensichtlich bewegt worden und in der Gruft herrschte ein chaotisches Durcheinander.
Wie bereits zuvor befand sich der verrottete Holzsarg von Mrs. Goddard auch dieses Mal an seinem ursprünglichen Standort. Wie immer wurde alles mit größter Vorsicht wieder in Ordnung gebracht und man stellte Samuel Brewsters Sarg neben die seiner Familienmitglieder. Anschließend wurde die Gruft versiegelt, und die tief betroffenen Besucher verließen in großer Eile den unheimlichen Ort.
Schließlich nahm der Gouverneur der Insel, Lord Combermere, die Sache in die Hand. Als am 7. Juli 1819 Thomasina Clarke in der inzwischen berüchtigten Gruft bestattet werden sollte, war Combermere mit einigen Begleitern anwesend. Nachdem die Steinplatte vom Eingang entfernt worden war, stellte sich heraus, dass die Särge erneut gewandert waren.
Combermere ließ Boden, Dach und Wände nach lockeren Steinen oder geheimen Eingängen absuchen. Doch es war nichts Derartiges zu entdecken. Er überwachte die Anordnung der Särge und streute um sie herum feinen Sand, um Fußspuren oder eindringendes Flutwasser erkennbar zu machen. Dann wurde die Platte wieder an ihrem Ort festzementiert, und der Gouverneur versah eine der Fugen mit seinem Siegel.
Am 18. April 1820 forderte er den Pfarrer unerwartet auf, mit ihm das Grab zu öffnen. Und als sie das Siegel abnahmen – es war unversehrt –, konnten sie wieder sehen, dass die Särge, die in einer ordentlichen Reihe aufgestellt worden waren, die drei kleineren vor den großen, im ganzen Grab verstreut standen. Doch es gab keine Spuren in dem feinen Sand und auch keine Hinweise auf Flutwasser.
Auf natürliche Weise ließen sich diese Vorgänge jedenfalls nicht erklären. Um dem Spuk ein Ende zu bereiten und um den Ruf der Familie zu schützen, ordnete Combermere an, die Särge an einem nahe gelegenen christlichen Friedhof beizusetzen. Die Gruft gab man auf und ließ sie ruhen – bis zum heutigen Tag.
Niemand weiß, was das Sakrileg an der Oistin-Bucht verursacht hat, wodurch die Särge in Bewegung geraten sind. Zunächst vermutete man, dass jemand, der die Chase-Familie abgrundtief hasste, sich auf irgendeine Weise Zugang zur Gruft verschafft und in einem Anfall von Vandalismus die Särge verschoben hatte.
Lord Combermeres Vorsichtsmaßnahmen (Spuren im Sand fehlten!) und seine sorgfältigen Untersuchungen von Steinen und Siegel schlossen diese Hypothese jedoch aus. Die Eingeborenen hätten zudem viel zu sehr Angst gehabt, um in die Ruhestätte der Toten einzudringen, und es gab auch keinerlei Anzeichen von einem gewaltsamen Einbruch.
Überschwemmungen, Erdbeben oder tektonische Plattenverschiebungen scheiden ebenfalls aus, denn im Grab war sonst nichts in Mitleidenschaft gezogen worden, und Mrs. Godddards Sarg stand unberührt da. Einer anderen Theorie zufolge sollen wuchernde Pilze (Bofisten), die Pflastersteine sprengen können, so groß gewesen sein, dass sie sogar einen schweren Bleisarg hätten bewegen können. In der Chase-Gruft wurden jedoch keine Anzeichen für Pilze entdeckt.
Manche Inselbewohner vermuteten, dass hinter den seltsamen Vorgängen vielleicht Voodoo-Zauber steckte, zumal Voodoo-Praktiken in der Karibik weit verbreitet sind. Thomas Chase war der meist gehasste Mann auf der Insel; er hatte viele Feinde, galt er doch als herrisch und grausam – nicht nur gegenüber seinen Sklaven, sondern auch im Umgang mit seinen eigenen Familienmitgliedern.
Der Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle äußerte gar die Vermutung, dass übernatürliche Kräfte die Särge verrückt hätten, weil sie, um die Verwesung der Leichen in ihnen zu verzögern, aus Blei gemacht waren.
Mord, Selbstmord und Inzest sind nach den Theorien von PSI-Forschern ein idealer Nährboden für Poltergeistaktivitäten und andere paranormale Phänomene. Nach Ansicht dieser Wissenschaftler wird beim Exitus - insbesondere wenn dieser gewaltsam oder durch Selbstmord erfolgt ist - oft zusätzliche Psi-Energie freigesetzt.
In zwei Särgen in der Chase-Familiengruft lagen kleine Kinder: Samuel Brewster Ames und Mary Chase. Samuel Brewster senior kam während des Sklavenaufstandes von 1816 ums Leben, Dorcas Chase beging Selbstmord.
Damals kursierte das Gerücht, Dorcas Chase habe sich zu Tode gehungert, um sich den inzestuösen Nachstellungen ihres tyrannischen Vaters Thomas zu entziehen, der bis zu seinem Tod das unangefochtene Oberhaupt der Familie Chase gewesen war. Dorcas und ihr Vater waren beide zerrüttete Persönlichkeiten – und verzweifelte Gefühle können Poltergeistaktivitäten auslösen. Die Sargbewegungen schienen ziellos – wie dies auch beim Poltergeistphänomen der Fall ist.
Nach Meinung einiger Forscher hat das Sargphänomen aber vielleicht niemals stattgefunden, sondern war nur eine kuriose Geschichte der Freimaurer, die von Lord Combermere und seinen Logenbrüdern in Umlauf gebracht worden war. Doch welches Motiv sollten sie dafür gehabt haben? Es gibt jedenfalls keine konkreten zeitgenössischen Beweise, die für eine solche Theorie sprechen.
Was immer die Ursache für das Phänomen der wandernden Bleisärge auch gewesen sein mag, nun, nachdem der Chase-Clan begraben worden ist, ruhen die Leichen in Frieden.
Autor: Reinhard Hauke