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Dan Browns "Sakrileg", der Weltbestseller um unheimliche Verschwörungen und geheime Bruderschaften, wurde mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt. Doch was steckt hinter den kühnen Behauptungen des Thrillers?
Vor seiner Ermordung wollte Jacques Saunière, Chefkurator des Louvre, offenbar auf ein verborgenes Geheimnis in den Werken Leonardo Da Vincis hinweisen. Als Robert Langdon, Symbolforscher der berühmten Harvard-Universität, der Spur nachgeht, stößt er auf eine zweitausendjährige Verschwörung um die Blutlinie Jesu und den Heiligen Gral.
Mit allen Mitteln versucht ein Geheimbund der katholischen Kirche, das geheimnisvolle Opus Dei, ihre Aufdeckung zu verhindern.
Das ist, so scheint es, gründlich misslungen. Mit über 48 Millionen verkauften Exemplaren wurde "Sakrileg", Dan Browns Thriller um solch unheimliche Verschwörungen und geheime Bruderschaften, zu einem der erfolgreichsten Romane unserer Zeit.
Seine Verfilmung wird am 17. Mai das diesjährige Filmfestival in Cannes eröffnen, kommt einen Tag später weltweit in die Kinos: ein Streifen mit einem Budget von 100 Millionen Dollar und Tom Hanks in der Hauptrolle.
Das Kino-Ereignis des Sommers wird noch einmal die Diskussion um den Bestseller des Amerikaners anheizen. Sein Kunstgriff war, geschickt Realität und Fiktion zu vermischen. "Sämtliche in diesem Roman erwähnten Werke der Kunst und Architektur und alle Dokumente sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben", behauptet er unter der Überschrift "Fakten und Tatsachen". Doch ist Browns Anspruch, der Roman basiere auf historischen Fakten, auch haltbar?
2. Leonardo da Vinci war "ein ausschweifender Homosexueller und Verehrer der göttlichen Ordnung der Natur, was ihn zum notorischen Sünder gegen den Gott der katholischen Kirche gemacht hatte... Er glaubte sich im Besitz des alchemistischen Wissens, mit dem man Blei in Gold verwandeln ... konnte." Er war von "gewaltiger Produktivität an atemberaubenden Gemälden mit religiösen Inhalten" und malte "Hunderte von lukrativen Auftragswerken für den Vatikan ... als Mittel zur Finanzierung seines aufwändigen Lebensstils." (S. 69/70)
Schon der amerikanische Titel des Buches, "The da Vinci-Code" enthüllt, dass Dan Brown kein Kenner der Kunstgeschichte ist. Denn der Künstler hieß "Leonardo"; "da Vinci" (ital.: "aus Vinci") war nicht etwa ein Familienname, sondern bezog sich auf sein Heimatdorf.
Über seine sexuelle Orientierung ist wenig bekannt. "Ausschweifend" war sein Privatleben jedenfalls nicht, und als ungeheuer produktiv kann man ihn auch nicht bezeichnen. Nicht die gerade einmal siebzehn Gemälde, die er tatsächlich vollendete (davon dreizehn religiösen Inhalts), machen sein Schaffen aus, sondern Hunderte von Skizzen, die ihn als exzellenten Naturbeobachter und genialen technischen Konstrukteur ausweisen.
Sein einziges Auftragswerk für den Vatikan blieb unvollendet, stattdessen projektierte er im Auftrag von Papst Leo X. die Austrocknung der pontinischen Sümpfe. Die Alchemie lehnte er als "Täuschung der dummen Massen" ab.
Sein kritischer, frei denkender Geist brachte ihn tatsächlich in Konflikt mit dem Glauben – doch nur, weil er die Naturwissenschaft über das Dogma stellte. Es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass er einer Geheimgesellschaft angehört hätte.
3. Leonardos "Felsgrottenmadonna" belege seine "dunkle Seite"; das Gemälde zeige, wie Johannes der Täufer den Jesusknaben segne, während die Madonna ihre Hand "mit unverkennbar drohender Gebärde über den Kopf des kleinen Johannes hält". Der Erzengel Uriel mache mit ausgestrecktem Zeigefinger "eine tranchierende Geste", als wolle er "dem von Marias klauenähnlicher Hand gepackten imaginären Kopf (des Jesusknaben) die Kehle durchschneiden."
Tatsächlich verwechselt Brown die beiden Kinder. Tauscht man sie aus, macht plötzlich wieder alles einen Sinn. Dann ist der Knabe, der anbetend kniet, Johannes der Täufer, der von Jesus gesegnet wird, während der ausgestreckte Zeigefinger Uriels seine zukünftige Enthauptung andeutet. Dabei legt Maria segnend ihre Hand auf sein imaginäres Haupt.
Tatsächlich gibt es eine zweite Version des selben Motivs, in der die Zuweisung eindeutig ist: Denn jetzt hält der kniende Knabe auch noch den Johannesstab, das Attribut des Täufers!
Übrigens fertigte Leonardo das zweite Bild nicht an, weil seine Auftraggeber von einer Mailänder Bruderschaft "mit Entsetzen" auf das erste Werk reagierten, wie Brown behauptet, sondern weil ein Kunstliebhaber ihm einfach mehr Geld geboten hatte.
4. Leonardos Wandbild "Das letzte Abendmahl" enthülle die wahre Gralsgeschichte, zeige Maria Magdalena neben Christus. Zusammen bildeten sie das "M" von "Matrimonium" = "Ehe". Zwischen Maria Magdalena und Christus prange ein "V" als Symbol des Weiblichen, des Grals. Auf dem Tisch fehle der Kelch, weil Jesu Gefährtin der wahre Gral sei. Petrus würde sie mit einer Geste bedrohen, als wolle er ihre Kehle durchschneiden, über der Tischkante erschiene zusammenhanglos eine Hand mit einem Messer. (S. 327-344)
Kunstgeschichtler können über diese Thesen nur schmunzeln. Schließlich stellt das Wandbild nicht die Einsetzung der Eucharistie dar (etwa Mt 26, 26-29), sondern die Ankündigung des Verrats (Joh 13, 21-25).
Den Evangelien zufolge saß der Jünger Johannes "an der Seite Jesu" (Joh 13, 23). Da Jesus ihn mit "Sohn" anredete und überliefert ist, dass er erst im Jahre 101 starb, stellte man ihn schon lange vor Leonardo stets als bartlosen, langhaarigen Jüngling dar.
Im Evangelium fordert ihn Petrus auf, "er solle fragen, von wem Jesus spreche" (Joh 13,14). Dass sich Johannes zurücklehnt, um seine Frage zu hören, sich die Köpfe der Jünger berühren und die Hand des Petrus auf seiner Schulter ruht, deutet auf eine vertraute Nähe hin.
Die Hand mit dem Messer gehört zu Petrus uns kündigt an, dass der Apostel bei Jesu Verhaftung einem der Schergen ein Ohr abschlagen würde. Während die Jünger in Aufruhr scheinen, bildet Jesus, in sich ruhend, das Zentrum des Bildes. Wie jeder am Tisch hat er ein Glas mit Wein vor sich. Leonardos "Abendmahl" passt nahtlos in die lange Reihe von Versionen dieses Motivs aus der Hand von Künstlern des 15. und 16. Jahrhunderts, was auch für die Position und Darstellungsweise des Johannes gilt.
Wäre der junge Mann zur Rechten Jesu nicht Johannes, müsste man Leonardo vorwerfen, ausgerechnet den Lieblingsjünger Jesu vergessen zu haben! Auf einer alten Kopie des Werkes in Ponte Capriasca (Lugano) sind die Jünger jedoch sogar mit Namen gekennzeichnet. Leonardos Wandbild schmückt übrigens den Speisesaal eines Mailänder Klosters – gewiss der falsche Ort, um der Welt das Geheimnis der Ehe Jesu zu offenbaren.
5. Der Heilige Gral hieße "in der ursprünglichen französischen Sprache" Sangreal (S. 224) oder "Sangraal". Der Begriff sei eine Metapher für das "göttlich Weibliche" (S. 227) und von "Sang Real", "Königliches Blut", abgeleitet (S. 345). Fazit: "Christus und Maria Magdalena müssen ein Kind gehabt haben." (S. 344) Sie war "der Kelch, der Christi königliches Blut aufgefangen hat ... sie war der Schoß, der den Stammhalter geboren hat." (S. 344) Aus dieser Vereinigung ging die Dynastie der Merowinger hervor, die "Paris gegründet" hätten. (S. 354)
Dabei ist "Grial" ein altspanisches Wort für ein Trinkgefäß. Seit dem 12. Jahrhundert wurde in einem Pyrenäen-Kloster ein Steinbecher als Abendmahlskelch Christi verehrt; heute befindet er sich in der Kathedrale von Valencia. Während in der ältesten Version der Gralssage, dem "Perceval" von Chretien de Troyes (um 1180), nur von einem "Graal" die Rede ist, der eindeutig als Trinkgefäß beschrieben wird, wurde er überhaupt erst im 15. Jahrhundert als "San Greal" bezeichnet.
Trotz der Popularität der Gralssage wurden seinetwegen nicht, wie Brown behauptet, "Kriege ausgelöst". Fragt der Autor weiter, weshalb keine andere Reliquie ein ähnliches Interesse hervorgerufen habe, liegt er wieder falsch.
Die Kreuzesreliquie, im Jahre 325 im Beisein der Kaiserin Helena entdeckt, fand viel größere Verehrung. Sie wurde im Kirchenkalender mit zwei Festtagen (3. Mai und 14. September) bedacht, um ihretwillen zog Kaiser Heraklius im 7. Jahrhundert gegen die Perser, sie war das höchste Heiligtum der Kreuzritter, wurde auf ihren Münzen und Siegeln dargestellt.
Die Kirche hat in der Gralslegende stets nur ein Symbol für die Eucharistie gesehen – das "wahre Kreuz" aber wurde liturgisch verehrt.
Die ursprünglich heidnischen Merowinger waren die Königsfamilie der Franken, die erst im 5. Jahrhundert, während der Völkerwanderung, ihre germanische Heimat verließen und in Gallien einfielen. Eine Verbindung zum Haus Davids oder zu Jesus herzustellen ist geradezu absurd. Paris wird unter dem Namen "Lutetia" bereits in Cäsars "De bello gallico" (50 v. Chr.) erwähnt.
Es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass Jesus verheiratet war. Wäre er es gewesen, hätte das auch nichts an seiner Göttlichkeit geändert. Während "Herrenverwandte", Cousins Jesu, bis ins 2. Jahrhundert die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem leiteten, gibt es nicht das geringste Indiz für Nachkommen. Schließlich gab es auch im alten Judentum eine zölibatäre Lebensform, das so genannte "Nasiräat". Nasiräer erkannte man daran, dass sie sich weder das Haupthaar schnitten noch den Bart rasierten – ganz wie Jesus etwa auf dem Turiner Grabtuch erscheint.
Auch wenn Brown das Gegenteil behauptet, hat die Kirche nie versucht, die Existenz Maria Magdalenas zu vertuschen. Ihre Nähe zu Jesus wird in allen Evangelien hervorgehoben, ihr Name ganze neun Mal genannt: sie stand vor dem Kreuz, sie war die Erste, die das leere Grab entdeckte, zahllose Kirchen sind ihr geweiht.
6. Kaiser Konstantin der Große habe "den Übergang der Welt vom heidnisch-matriarchalischen Mutterkult zum patriarchalischen Christentum mit einem Propagandafeldzug ohnegleichen durchgedrückt ... der das göttlich Weibliche dämonisiert(e) und die Göttinnen für immer aus der modernen Religionsausübung verdrängt(e)." (S. 174)
Durch das "Toleranzedikt von Mailand" aus dem Jahre 313 machte Konstantin der Große das Christentum zur "religio licita", also zu einer legalen, gleichberechtigten Religion neben den weiter bestehenden heidnischen Kulten im Römischen Reich. Damit endete die Jahrhunderte lange Christenverfolgung.
Obwohl es auch Mutterkulte (etwa den Isis- oder Kybelekult) im Reich gab, war weder die römische Gesellschaft noch die Staatsreligion matriarchalisch, sondern eindeutig patriarchalisch geprägt. Oberster Gott war Göttervater Jupiter.
Nicht einmal in seiner tausendjährigen Geschichte wurde Rom von einer Frau regiert, und auch der Senat, das römische Parlament, bestand nur aus Männern, den "patres" (Vätern).
Das Christentum bekämpfte keineswegs die Muttergöttinnen, sondern ersetzte ihren Kult geschickt durch die Marienverehrung. So wurde die Frau nicht etwa dämonisiert, sondern zur Mittlerin zwischen den Menschen und Gott.
7. "Die katholische Inquisition hatte ein Buch veröffentlicht, das man vielleicht als das blutrünstigste Druckwerk der Menschheitsgeschichte bezeichnen könnte. Die vom Volksmund Hexenhammer genannte lateinische Schrift Malleus Maleficorum'beschwor vor der Welt die Gefahr durch freidenkerische Frauen' heraus und leitete den Klerus an, wie diese gefährlichen Frauen ausfindig zu machen, durch Folter zum Verständnis zu bringen und anschließend unschädlich zu machen seien ... In den drei Jahrhunderten der Hexenjagd hatte die Kirche die erschütternde Zahl von fünf Millionen Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht und grausam verbrannt." (S. 174/5)
Nicht die Kirche und schon gar nicht die Inquisition hat den "Hexenhammer" veröffentlicht, sondern zwei übereifrige Dominikaner aus Deutschland. Bischöfe, etwa der Bischof von Bozen, lehnten das Werk als "zelotisch und kindisch" ab.
Seit dem 7. Jahrhundert bekämpfte die Kirche nicht die Hexen, sondern den heidnisch-germanischen Volksglauben, dass es Hexen gäbe. Erst die beiden Dominikaner Sprenger und Institoris postulierten die Existenz einer "Hexensekte" und strengten Ketzerprozesse gegen die Beschuldigten an; ein fataler Unsinn, dem sich bald auch die Protestanten anschlossen.
Da im "Heiligen Römischen Reich" Ketzerei als todeswürdiges Majestätsverbrechen galt, wurden sie den weltlichen Justizbehörden übergeben. Weltliche Richter, nicht die Kirche, brachten verurteilte Ketzer/innen auf den Scheiterhaufen.
Die Zahl von "fünf Millionen Frauen" ist dabei völlig aus der Luft gegriffen. Seriöse Forscher gehen von höchstens 30.000 Fällen aus.
Im katholischen Kernland Italien waren es nur ein paar Dutzend, in Irland kein einziger, in Spanien wurden sogar die Hexendenunziationen seit 1526 von der Inquisition aktiv bekämpft.
8. Weil sie den Kult der Muttergöttin wiederentdeckten, habe die Kirche den Orden der Templer zerschlagen: "Papst Klemens V. behauptete in seinem Schreiben, Gott sei ihm in einer Vision erschienen und habe ihm offenbart, die Tempelritter seien abtrünnige Ketzer und der Teufelsanbetung schuldig. (...) An jenem dreizehnten Oktober wurden zahllose Tempelritter gefangen genommen, grausam gefoltert und anschließend als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt." (S. 223) Viele davon auch "in Rom ... ihre Überreste (wurden) in den Tiber geworfen." (S. 459) Die Templer hätten "die traditionelle Kreuzform des Grundrisses christlicher Kirchen schlichtweg ignoriert und eine kreisrunde Kirche zu Ehren der Sonne gebaut". (S. 460)
Das vermeintliche Schreiben des Papstes, auf das sich Brown beruft, ist frei erfunden. Tatsächlich hat Frankreichs bankrotter König Philipp IV. "der Schöne", der dem Orden große Summen schuldete, den Schlag gegen die Templer inszeniert und sie der Ketzerei bezichtigt.
Papst Clemens V. wurde von der Aktion völlig überrascht und reagierte zwei Wochen später mit einem scharfen Protestschreiben: "Trotzdem habt Ihr dieses Attentat gegen die Personen und Güter von Männern begangen, die Uns unterstellt sind. In diesem überstürzten Vorgehen kann jedermann ein verwerfliches Verachten von Uns und der Kirche erkennen."
Erst unter dem Druck des Königs, der ihn immerhin zuvor auf den Thron Petri gehievt hatte, gab der Papst nach, ließ die Templerprozesse zu und löste fünf Jahre später den Orden auf, was eher eine Kompromisslösung war (der König hatte seine offizielle Verdammung gefordert). In Paris loderten 1314 die Scheiterhaufen – nicht aber in Rom, wo kein einziger Templer verurteilt wurde. Im Gegenteil: Mehrere italienische Bischöfe erklärten die Templer offiziell für unschuldig.
Die Kreuzesform von Kirchen setzte sich erst im Mittelalter durch; die frühesten Gotteshäuser waren dreischiffige Basiliken. Konstantin der Große ließ über dem Heiligen Grab in Jerusalem einen Kuppelbau in der Form altrömischer Kaisermausoleen errichten, der wiederum arabische Architekten beim Bau des Felsendoms inspirierte. Die Templer, die den Felsendom für den Tempel Salomons hielten, übernahmen diese Bauform (wie auch Karl der Große beim Bau des Aachener Doms).
9. Bis in die Zeit Konstantins d. Großen sei "Jesus von seinen Anhängern als sterblicher Prophet betrachtet (worden), als ... sterblicher Mensch. (...) Zum Sohn Gottes wurde Jesus erst nach einer entsprechenden Abstimmung auf dem Konzil von Nizäa erklärt", das der Kaiser 325 einberief. (S. 322/3) "Zur Untermauerung des Machtanspruches der römischen Staatskirche musste aus dem Menschen Jesus der Sohn Gottes gemacht werden." (S. 325)
Jesus wurde von den ersten Christen als Sohn Gottes verehrt. So lautet die zentrale Aussage des Johannesevangeliums, das irgendwann zwischen 65 und 100 n.Chr. verfasst wurde: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3, 16)
Der Apostel Thomas redete ihn nach der Auferstehung als "mein Herr und mein Gott!" (Joh 20, 28) an. An mehr als vierzig Stellen des Neuen Testamentes wird Jesus ausdrücklich als "Sohn Gottes" bezeichnet.
Alle frühchristlichen Autoren folgten diesem Glaubensbekenntnis, so auch der Philosoph Justin, der im Jahr 165 den Märtyrertod starb: "Er war Gott, Sohn des einzigen, ewigen Gottes."
Die frühen Christen benutzten den Fisch (griech. "Ichthys") als Symbolcode für ihr zentrales Glaubensbekenntnis: Iesous Christos Theou Hyios Soter - "Jesus Christus (ist der) Sohn Gottes, (unser) Erlöser". Auf dem Konzil von Nizäa wurde nur die Frage diskutiert, ob Jesus "eines Wesens mit dem Vater" oder ihm "wesensähnlich" sei; die Mehrheit der versammelten Bischöfe erklärte ihn für "wesensgleich".
Übrigens war Konstantin Christ, seit er im Jahre 312 eine Kreuzesvision hatte und eine Stimme hörte, die ihm versprach: "In diesem Zeichen wirst Du siegen!". Da mit der Taufe alle Sünden vergeben werden, war es damals durchaus üblich, damit bis zum Lebensende zu warten. So hielt es auch der Kaiser.
10. "Konstantin gab eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, die er obendrein finanzierte... Die früheren Evangelien wurden geächtet, konfisziert und verbrannt." (S. 324) Dabei hätten "Tausende seiner Anhänger im ganzen Land" Jesu Leben aufgezeichnet, es einst "mehr als achtzig Evangelien" gegeben. (S. 320) Schließlich ließ Jesus "als der Messias der Prophezeiung ... Könige stürzen, führte Millionen Menschen zu einem neuen Aufbruch und begründete eine neue Weltanschauung."
Zwar stiftete Konstantin tatsächlich 50 Abschriften des Neuen Testamentes für 50 Kirchen, mit dem Evangelien-Kanon aber hatte er nichts zu tun; der stand bereits zu Anfang des 2. Jahrhunderts fest, wie wir von Papias (+ ca. 130), einem Schüler des Apostels Johannes, wissen.
Auch die Kirchenväter Irenäus (135-202) und Tertullian (155-230) listeten die heute bekannten vier Evangelien auf, ebenso das "Muratorische Fragment" aus der Zeit um 180. Zahlreiche Evangelienfragmente aus dem 2. und 3. Jahrhundert bezeugen, dass es zur Zeit Kaiser Konstantins keinerlei Zensur gegeben hat; die Evangelien wurden wortgetreu überliefert.
Erst nach Konstantin, nämlich zwischen 367 (Osterbrief des Athanasius) und 419 (2. Konzil von Karthago), legte man fest, welche Bücher zur Bibel gehören sollten. Auf diverse Briefe früher Päpste, die ursprünglich Teil des Kanons waren, wurde damals verzichtet.
Dass "Tausende" Jesu Leben aufgezeichnet haben sollen, ist schamlose Fiktion. Selbst die vier Evangelien entstanden nicht zu seinen Lebzeiten, sondern im 1. Jahrhundert nach seiner Auferstehung. Auch die Zahl von "achtzig Evangelien" ist frei erfunden. Im 2. und 3. Jahrhundert kam es bei diversen gnostischen Sekten, meist in Ägypten, in Mode, die eigenen Lehren durch frei erfundene "Evangelien" zu "untermauern".
Diese Pseudo-Evangelien zeichnen sich durch allerlei Abstrusitäten (im "Petrus-Evangelium" etwa schreitet das Kreuz aus dem leeren Grab und verkündet die Auferstehung) und den völligen Mangel an historisch Greifbarem aus.
Dass Jesus Könige stürzen ließ, ist eine ganz neue Erkenntnis Browns; selbst der einzige König seines Landes, Herodes Antipas, wurde nicht von ihm abgesetzt, sondern 39 n.Chr. vom römischen Kaiser Caligula. Jesus selbst hatte ausdrücklich Pilatus gegenüber betont: "Mein Königtum ist nicht von dieser Welt." (Joh 18, 36) Wahrscheinlich hat er zu Tausenden, vielleicht auch Zehntausenden gepredigt, gewiss aber nicht zu "Millionen": Die Gesamtbevölkerung Palästinas westlich des Jordans wird für das 1. Jahrhundert auf eine Million geschätzt.
11. Dokumente, die "die wahre Gralsgeschichte erzählen", seien "im Jahre 1950" am Toten Meer entdeckt worden. "Natürlich hat der Vatikan ... mit allen Mitteln versucht, die Veröffentlichung dieser Schriften zu verhindern." (S. 324/5) Das gelte auch für die "koptischen Schriftrollen von Nag Hammadi" in Ägypten, in denen es um Maria Magdalena ging. Im "Evangelium des Philippus" würde sie als "Gefährtin des Erlösers" bezeichnet, was so viel wie Ehefrau hieße, im "Evangelium der Maria Magdalena" sei von der Rivalität zwischen ihr und dem "Macho" Petrus die Rede. (S. 339-342)
Die Schriftrollen vom Toten Meer wurden vor 1947 entdeckt und stammen zu 99 Prozent aus dem 2.-1. vorchristlichen Jahrhundert. Ihre wissenschaftliche Edition wurde zuerst von der jordanischen, seit 1967 von der israelischen Altertümerverwaltung beaufsichtigt. Der Vatikan hatte damit nichts zu tun.
Sämtliche vollständig erhaltenen Rollen waren bereits 1958 veröffentlicht. Einzig die Zuweisung zahlloser, oft nur briefmarkengroßer Fragmente hat damals, im Vor-Computer-Zeitalter, Jahrzehnte gedauert. Daraus machten die Sensationsautoren Baigent/Leigh, die auch die Vorlage zu "Sakrileg" lieferten, einen Skandal. In Nag Hammadi wurden keine "koptischen Schriftrollen" gefunden, sondern griechischsprachige Kodizes, die Vorläufer unserer Bücher, mit gnostischen "Evangelien" aus dem 3. Jahrhundert.
Auch sie wurden ohne Einwirkung des Vatikans vollständig publiziert. Die meisten Gnostiker lehnten alles Materielle als teuflisch ab, auch Sexualität und Fleischgenuss. Einige Sekten bestritten die Kreuzigung, hielten Jesus für einen manifestierten Lichtengel, andere rühmten Judas dafür, den Herrn von der Last seines irdischen Leibes befreit zu haben. Eine geschlechtliche Verbindung Jesu zu einer Frau wäre für sie undenkbar gewesen und wird auch nirgendwo behauptet.
Natürlich versuchten die Gnostiker, die im Widerspruch zur Kirche der Apostel standen, speziell Petrus, ihr Oberhaupt, in ein schlechtes Licht zu rücken. Ihre Einstellung zu Frauen enthüllt eine weitere Nag Hammadi-Schrift, das "Thomas-Evangelium". Als Petrus darin Maria Magdalena abwies, weil sie eine Frau war, antwortete Jesus: "Ich werde aus ihr einen Mann machen, damit sie ein lebendiger Geist wird wie ihr Männer. Denn jede Frau, die sich zum Mann macht, wird in das Himmelreich eingehen." Das klingt wenig matriarchalisch.
12. Noch im alttestamentarischen Gottesnamen "Jehova" habe sich das Geheimnis der "heiligen Hochzeit" verborgen. Er stünde für die "androgyne Vereinigung des männlichen Jah und des vorhebräischen Wortes für Eva, Hava".
Dass ausgerechnet das patriarchalisch geprägte Judentum, das Frauen den Zugang zum Tempel ebenso wie das Studium der Torah verweigerte, für Browns These vereinnahmt wird, erstaunt. Tatsächlich lautete der hebräische Gottesname keineswegs "Jehova" – das war ein Lesefehler aus dem Mittelalter – sondern JHWH, was wahrscheinlich "Jahwe" ausgesprochen wurde.
Er setzt sich auch nicht aus "Jah" und "Havah" zusammen, sondern heißt so viel wie "Ich werde sein, der ich sein werde" – der Ewige. Gott ist nach dem Zeugnis der Bibel weder Mann noch Frau und noch weniger ein kopulierendes Paar in "heiliger Hochzeit": "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." (Joh 4,24)
Vielleicht ist das wirkliche Geheimnis des da Vinci-Codes, wie so viele Menschen ein so schlecht recherchiertes Buch überhaupt ernst nehmen konnten. Vielleicht wirkt es wie eine Droge, lenkt das rasante Tempo des Romans, die atemlose Spannung, die er erzeugt, vom Denken ab.
Vielleicht schrieb Brown aber auch nur das, was alle hören wollten – eine populäre Mischung aus Sex and Crime, Kirchenskepsis und Verschwörungstheorien, Menschheitsrätseln und Mysterienbünden, Mystik und Sexualmagie, Feminismus und Fetischismus. Dass ein solch giftgrüner Cocktail einmal in Mode kommen würde, wurde wirklich in der Bibel prophezeit. Nicht in einem Code, sondern in den klaren Worten des zweiten Paulusbriefes an Timotheus. Oder klingt es etwa nicht ganz nach dem Hype um "Sakrileg", wenn es dort heißt:
"Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, wenn es ihnen in den Ohren kitzelt und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und sich zu den Fabeln hinwenden." (2 Tim. 4, 3-4)?
Jedenfalls scheint auf "Sakrileg" zuzutreffen, was der sterbende Louvre-Kurator Jacques Sauniere noch quer über das Gesicht der Mona Lisa schrieb: "So Dark the Con Of Man" . "Ein dunkles Kapitel ist der Betrug an der Menschheit".
Autor: Michael Hesemann
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