Ordnung halten, Putzen, Händewaschen: Wenn schlichte Gewohnheiten zu zwanghaften Handlungen werden gibt es meist kein zurück mehr.
Es beginnt mit einer harmlosen Gewohnheit und kann doch bald unser komplettes Handeln kontrollieren: Zwangsstörungen.
Ein Junge namens Alex muss heute jede linke Ecke eines rechteckigen Gegenstandes „anschnipsen“ weil er dies einmal tat, als er sich wünschte, ein bestimmtes Mädchen würde sich bei ihm melden.
Es funktionierte: Das Mädchen meldete sich, fünf Minuten nach dem „Schnipsen“, und seit dem wird Alex seinen Zwang nicht mehr los. Er muss Buchläden und Videotheken meiden und morgens um fünf Uhr aufstehen, um vor der Schule alle Gegenstände in seinem Zimmer „abzuarbeiten“. „Als würde ich mit jedem Schnipsen ein Unglück vermeiden.“, gesteht Alex im Interview mit WELT DER WUNDER.
Bildershow: Teufelskreis Zwangsstörung
Ein anderes Mädchen begann irgendwann einmal ihre Kuscheltiere regelmäßig zu streicheln, damit sie sich nicht vernachlässigt fühlen. Heute muss sie sogar eine gerade Anzahl von Cornflakes essen, damit keine „einsame Flocke“ außen vor ist.
Meist wissen die Betroffenen, dass der Zwang sinnlos ist, doch können sie sich nicht gegen die gnadenlose Diktatur ihres Gehirns wehren. Denn das Gehirn gaukelt ihnen vor, nur ein bestimmtes Ritual könne es verhindern, dass ein schlimmer Albtraum wahr werde.
Zwangsgestörte wissen, dass es weder für ihre Rituale, noch für die Ängste, die dahinter stecken eine rationale Grundlage gibt, doch sie sind nicht in der Lage den Teufelskreis zu durchbrechen.
In 90 Prozent aller Fälle steht hinter dem Zwangsritual zunächst ein Zwangsgedanke. Die Befürchtung, das schlimmste Unglück könne wahr werden, wenn die Rituale nicht durchgeführt werden, beherrscht bald das Leben. Die Zwangshandlungen dienen dann als Neutralisierung ihrer Ängste.
Doch nicht jeder, der sich vor etwas fürchtet leidet unter Zwangsstörungen, denn normalerweise verflüchtigen sich die „Horrorvorstellungen“ durch eine Filterfunktion im Gehirn wieder relativ schnell.
Bei den Betroffenen ist diese Filterfunktion jedoch gestört und anstatt die Gedanken zu filtern, bearbeitet das Gehirn sie doppelt und dreifach, bis sie sich „festhaften“. Führt man den Zwangsvorgang nicht aus, bricht bei dem Zwangsgestörten eine regelrechte Panik aus.
Der Teufelskreis beginnt, wenn sie dem Zwang erst einmal nachgegeben haben. Ab diesem Zeitpunkt ist ihr Gehirn konditioniert und die Ängste verschwinden immer nur dann, wenn das jeweilige Ritual ausgeführt wird. Doch die Beruhigung ist nicht von Dauer und immer öfter müssen die Rituale durchgeführt werden.
„Das schafft eine kruzfristige Erleichterung, und die Angst lässt nach. Aber der Preis dafür ist hoch. Es ist ein wenig wie beim Zauberlehrling von Goethe: Man wird die Geister nicht mehr los die man rief. Die Rituale werden zunehmend zeitraubender und die Wirkung hält immer kürzer an. Die scheinbare Lösung hat sich in ein Problem verkehrt.“, so Prof. Dr. Steffen Moritz vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf.
Jungen erkranken häufig in der Kindheit, während Frauen meist zwischen 20 und 30 betroffen sind. Nach dem 40. Lebensjahr erkrankt nur noch jeder Zwanzigste. Forscher glauben, dass die Störung aufgrund von nicht ausgelebter Aggressionen in der Kindheit entsteht.
43 Prozent aller Menschen führen laut einer Umfrage bestimmte Rituale aus, um ihren inneren Frieden zu wahren. Wenn alles stimmt, ist alles gut. Doch nicht bei jedem muss sich dies zu einem Zwangscharakter ausbilden.
Ist es allerdings soweit, dass sich die harmlosen Gewohnheiten zu Zwängen entwickelt haben, gibt es bisher nur selten einen Weg zurück. Meist werden die Patienten einer kognitiven Verhaltenstherapie unterzogen bei der gleichzeitig eine hohe Dosis Antidepressiva verabreicht wird.
Bis das Gehirn wieder neu programmiert ist, kann es lange dauern, denn durch das ständige Wiederholen haben sich die Prozesse schon fest im Gehirn verankert und lassen sich nur schwer, und mit großem Durchhaltevermögen wieder löschen.
Gewohnheit oder Zwang? Sehen Sie hier in unserer Bildershow, wie eine alltägliche Handlung das Leben beherrschen kann.