Einer der bekanntesten psychologischen Tests, der sogenannte „Kleckstest“ , ist jetzt, aufgrund der Veröffentlichung der Tintenklecksmuster im Internet, von Wissenschaftlern für unbrauchbar erklärt worden.
Das von Hermann Rohrschach 1921 veröffentlichte psychodiagnostische Testverfahren ermöglichte es der Wissenschaft, schnell eine komplexe Persönlichkeit oder gar eine schwere psychische Störung korrekt zu erfassen. Manchmal sogar schon nach Auswertung einer einzelnen Antwort.
Der Test besteht aus zehn Tafeln mit speziell aufbereiteten Tintenklecksmustern, die der Proband deuten soll. Die spontanen Assoziationen werden dann anhand eines mathematischen Schemas ausgewertet und interpretiert.
Was der Proband in den seltsamen Tintenkleksen erkennt, lässt also angeblich genauestens darauf schließen, um welchen Persönlichkeitstypus es sich bei dem jeweiligen Teilnehmer handelt.
Am Ende des Tests wird ein Gesamturteil gefällt, wie beispielsweise: "Die Versuchsperson ist ein guter praktischer Arbeiter, stereotyp, aber strebsam." Oder: "Vielseitig begabt, sehr gründlich in allem, was ihn interessiert, aber unstet und leicht zu anderem überspringend."
Anhand des Tests ließen sich allerdings auch schwere psychische Störungen, wie Schizophrenie, feststellen, wobei hier die Zuverlässigkeit der Auswertungen jahrelang umstritten blieb.
So führte ein Kritiker der Rorschach-Methode eine Blindstudie durch, an der zwölf der prominentesten Rorschach-Deuter teilnahmen. Hierbei stellte sich heraus, dass gesunde Probanden durchweg als mental gestört eingestuft wurden, obwohl keiner von ihnen Anzeichen psychischer Probleme aufwies.
Befürworter des Rorschachtests, sogenannte Rorschachianer, sind aber überzeugt, man könne anhand des Tests Bereiche der Persönlichkeit darstellen, die andere psychologische Tests nicht erfassen. Außerdem sei er vor jeder Fälschung sicher.
Kein Wunder also, dass die praktizierenden Psychologen bisher auch großen Wert darauf legten, die verwendeten Tafeln von der Öffentlichkeit fernzuhalten, da das Testergebnis dadurch verfälscht werden könnte. „Wir schützen die Anwendungsfähigkeit von psychologischen Tests, in dem wir das Testmaterial sichern“, erläutert etwa Bruce Smith, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Rorschach- und Projektive Methoden.
Ein Arzt machte ihnen jedoch jetzt einen Strich durch die Rechnung, indem er alle zehn Bilder samt den häufigsten Antworten auf Wikipedia veröffentlichte, weil er der Meinung war, die Öffentlichkeit im gegenwärtigen Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts habe ein Recht auf diese Informationen.
Juristisch lässt sich dies nicht anfechten, da das Urheberrecht der Tafeln längst abgelaufen ist. Verfechter der Methode haben allerdings allen Grund zur Beschwerde, denn da nun jeder die Möglichkeit hat, die Bilder samt Interpretationen vorab in Augenschein zu nehmen, sind die Ergebnisse, die von einer spontanen Assoziation ausgehen, weitestgehend unbrauchbar.
Eine Ausbildung zum Rorschach-Experten hätte somit keine Zukunft, es sei denn man zieht einen Neustart in den Vereinigten Staaten in Betracht, denn dort werden die Tafeln samt Erläuterung für 185 Dollar und Einführungskurse für knapp tausend Dollar angeboten.
Laut Kritikern des Rorschach-Tests, hätten die Tafeln längst einer Überholung bedurft und es wäre ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Bilder an die Öffentlichkeit gelangt wären.
Eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit des „Klekstests“ sieht der Rorschach-Experte Bruce Smith in der Veröffentlichung der Tafeln allerdings nicht, denn „Wie wir den Test bewerten, hat sich über die Jahrzehnte radikal verändert. Es gibt keinen Grund, die Tafeln zu ersetzen. Ein Tintenfleck bleibt ein Tintenfleck. Es ist weder vom Zeitalter bedingt noch von der Kultur.“
Autor: Jana Katschke