Wann lösen sich die Zähne aus dem Schädel? Unter welchen Umständen fällt der Arm eines Toten vom Körper ab? Wie lange dauert es, bis eine Leiche zum Skelett wird? Diese Fragen können dank der Forschung Bill Bass´ mittlerweile beantwortet werden.
Bill Bass gründete die "Body Farm", "Die Farm der Leichen". Hier verwesen Körper im Dienst der Wissenschaft und der Kriminologie. So sollen Morde aufgeklärt werden. An Bass wenden sich Gerichtsmediziner, wenn sie nicht mehr weiter wissen.
Durch jahrelange Forschung, akribisches fotografieren, vermessen und analysieren von Leichen lernte der Wissenschaftler Bill Bass die komplexen Zusammenhänge der Verwesung kennen und schätzen.
Denn eine Leiche sagt mehr über ihre Todesursache, als man auf den ersten Blick zu erkennen glaubt.
Die Idee, an verwesenden Leichnamen zu forschen, war keineswegs neu. Viele Wissenschaftler experimentierten schon seit Jahren mit Tierkadavern von Hunden und Schweinen.
Doch als Bass 1971 das einzigartige Freiluftlabor „Body Farm“ gründete, war er der erste der sich auch mit dem Verwesungsprozess des menschlichen Körpers auseinandersetzte.
Der geruchsempfindliche Forensiker hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Morde aufzuklären und die Rätsel zu lösen, an denen die Gerichtmediziner scheiterten.
Um die Leichen besser identifizieren und ihren Todeszeitpunkt leichter bestimmen zu können liegen so regelmäßig rund 40 Leichen auf dem Gelände in Tennesse, am Fuße der Smoky Mountains. Der Verwesungsprozess wird genauestens dokumentiert um Todesart, Alter, Geschlecht und Zeitpunkt des Todes bestimmen zu können.
Abgesehen von ein paar erschrockenen Spaziergängern und seiner Frau, die das ein oder andere Mal einen Menschenkopf in ihrem Suppentopf dulden musste, erregte die Farm zunächst wenig öffentliches Interesse.
Erst als Patricia Cornwell 1994 ihren Grusel-Bestseller "Body Farm" (deutscher Titel: "Das ABC der Toten") veröffentlichte, wurde die Leichenfarm von Fotografen und Fernsehteams umringt.
Natürlich sorgten solch ungewöhnliche Forschungsmethoden für reichlich Diskussion und fast wäre es soweit gekommen, dass Bass die Forschungsarbeiten hätte niederlegen müssen.
Doch für die Wissenschaft und die Justiz war seine Arbeit unabdinglich, schließlich wurden mit Bass Hilfe über die Jahre hinweg schon zahlreiche Betrüger und Mörder überführt. So durfte Bass, dank dem energischen Eingreifen mehrerer Staatsanwälte, seine Forschungsarbeiten dann doch weiterführen.
Heute darf das gut gesicherte Gelände nur noch von Wissenschaftlern, in erster Linie Anthropologen und Kriminologen sowie freiwilligen Körperspendern betreten werden. Oder von Special Agents des FBI, die dort einen zu ihrer Ausbildung gehörenden Grundkurs in forensischer Entomologie absolvieren können.
Das bis 2006 einzige Freiluft-Labor weltweit hat mittlerweile weltweit viele Unterlabore, nennt sich „Anthropological Research Facility", und ist sogar Teil der Universität Knoxville.
Ob in den Massengräbern in Bosnien oder auf Ground Zero in New York, überall auf der ganzen Welt sind die ehemaligen Studenten des mittlerweile 82 Jahre alten Mannes dem Tod auf der Spur.
Er selbst arbeitet nicht mehr auf der Farm, vielleicht weil er eigentlich eine extreme Abneigung gegen Fliegen hat, oder weil sein Herzschrittmacher ihn beim Arbeiten behindert.
Da die Anzahl der freiwilligen Leichnam-Spenden den Bedarf der Fakultät überschreitet, weiß der Wissenschaftler selbst noch nicht, ob er seinen eigenen Körper nach seinem Tod der Forschung zur Verfügung stellen will.
Paradox, denn "Der Wissenschaftler in mir will die Spendenbewilligung unterschreiben. Der Rest meiner Person kann nicht vergessen, wie sehr ich Fliegen hasse", so schreibt er in seinen Memoiren.
Seine eigenen Vorlieben stellte er jahrelang in den Schatten der Wissenschaft, denn nur die Suche nach der Wahrheit trieb in voran.
Doch natürlich hasse auch er den Tod. Als er das erste Mal mit einer Leiche konfrontiert wurde, musste sich Bass sogar übergeben, doch „Um mich vor dem Entsetzen zu schützen, sehe ich jeden Fall als wissenschaftliches Puzzle - und vermeide so den Anblick des grausigen Gesamtbildes.“
Die Entscheidung über seinen eigenen Leichnam überlässt Bass jetzt seiner Familie, zulange war er schon hin und hergerissen zwischen dem Sein als Mensch und Wissenschaftler.
Mehr über die Sprache der Toten erfahren Sie hier in unserer Bildershow.