Apartheid bedeutet sinngemäß Trennung und war ursprünglich in Afrikaanse, der Sprache der Buren, die Übersetzung des englischen Begriffs "segregation". Damit war die Praxis der Rassentrennung in Südafrika vor 1948 gemeint. In dem Jahr gewann die National Party die Parlamentswahlen und ging daran, ein komplexes System der Rassentrennung, das der Unterdrückung und Ausbeutung der (schwarzen) Bevölkerungsmehrheit diente, zu installieren.
Die National Party und ihr Premierminister Daniel Malan erhoben den Rassismus zur Staatsdoktrin und verkündeten, damit eine völlig neue Politik zu betreiben, die nicht nur legitim, weil aus dem Mehrheitswillen der (weißen) Südafrikaner resultierend, sondern auch gottgewollt sei, weil mit ihr den unüberbrückbaren Unterschieden zwischen den "Rassen" Rechnung getragen würde.
Das Apartheidsystem, das nach 1948 mit vielen (schein)legalen Mitteln durchgesetzt wurde, war nichts grundlegend Neues in der südafrikanischen Geschichte. Es gründete auf dem weit verbreiteten althergebrachten Siedlerrassismus und verschärfte und systematisierte eine bereits bestehende Vielzahl von rassistischen Bestimmungen, die noch aus den Zeiten der britischen Herrschaft stammten.
Seit der Gründung der Südafrikanischen Union im Jahr 1910 hatten
sämtliche südafrikanische Regierungen mehr oder weniger intensiv
eine Politik der Rassentrennung betrieben. Einer der wichtigsten
Bausteine dieser Politik war der 1913 verabschiedete Native Lands
Act, der den Schwarzen verbot, außerhalb eigens dafür ausgewiesener
Stammesgebiete, Land zu erwerben.
Auch im Hinblick auf die staatsbürgerlichen Rechte galt die Rassentrennung schon vor 1948. So besaß nur in der Kap-Provinz eine sehr begrenzte Zahl von Schwarzen das Wahlrecht – das ihnen schon im Jahr 1936 wieder genommen worden war. In den anderen Provinzen war die Bevölkerungsmehrheit politisch vollkommen entmündigt. Schon in den zwanziger Jahren verwandelte ein Gesetz die Zentren der südafrikanischen Städte zu exklusiven Gebieten der Weißen, in denen Schwarze nicht dauerhaft wohnen durften.
Solche und andere Zwangsmaßnahmen gegen Schwarze wiesen offensichtliche Parallelen zur antijüdischen Politik der Nationalsozialisten in Deutschland auf. In beiden Fällen sollte eine Bevölkerungsgruppe entrechtet und aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. In Deutschland traf es eine Bevölkerungsminderheit von rund 600.000 Menschen, in Südafrika dagegen die überwiegende Mehrheit von mehr als 20 Millionen Menschen.
All diese diskriminierenden Bestimmungen waren in den vierziger Jahren eher nachlässig gehandhabt worden. Südafrika kämpfte während des Zweiten Weltkriegs auf Seiten Großbritanniens und die weiße Minderheit war in dieser Zeit auf die Kooperation der schwarzen und farbigen Majorität angewiesen. Deshalb nahm sie auch die massenhafte Zuwanderung von Schwarzen in die südafrikanischen Städte hin.
Grundlegende soziale Veränderungen waren die Folge, etwa auf dem Arbeitsmarkt: Schwarze Südafrikaner mussten die Lücken ausfüllen, die durch die Einberufung weißer Arbeitskräfte in die Armee hinterlassen hatten. Während diese in Nordafrika unter britischer Flagge gegen die Deutschen kämpften, durften die Schwarzen erstmals in der Geschichte des Landes auch solche Berufe erlernen und ausüben, die ihnen zuvor versperrt geblieben waren.
Mit dem Versprechen, diese schleichende Verwischung der Rassengrenzen zu bekämpfen, war die National Party nach dem Krieg an die Macht gelangt. Sie hatte die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, ein System zu schaffen, in dem die Rollen wieder klar verteilt waren und das die weiße Vorherrschaft ein für allemal sichern sollte. Es war der Versuch, das Rad der Zeit zurückzudrehen.
Das zentrale Gesetz zur Durchsetzung der Apartheidspolitik war der Population Registration Act aus dem Jahr 1950. Danach wurde jeder Südafrikaner einer der vier "Rassen" des Landes zugeordnet: den Weißen, den Schwarzen, den Asiaten (faktisch: Indern) und den Farbigen (Coloureds). Bezeichnenderweise wurde diese Kategorisierung von ausschließlich weißen Beamten vorgenommen. Ihre Willkür lag auf der Hand: Es gab gar keine objektiven, wissenschaftlich haltbaren Kriterien, nach denen eine solche Einstufung hätte erfolgen können. Sie oblag vielmehr der subjektiven Einschätzung der Beamten.
Dem Population Registration Act folgte eine wahre Flut von Gesetzen und Erlassen, die den staatlichen Stellen zahlreiche Möglichkeiten an die Hand gab, das System Apartheid mittels legislativer und bürokratischer Maßnahmen in die Tat umzusetzen. Mischehen wurden verboten, der Group Areas Act wies getrennte Wohngebiete in den südafrikanischen Städten aus.
Alle Bereiche des öffentlichen wie des privaten Lebens wurden entlang der "Rassengrenzen" getrennt, was oft genug absurde Ausmaße annahm. Es gab separate Eingänge zu Geschäften und öffentlichen Gebäuden, getrennte Zonen an den Stränden, Parkbänke für jede "Rasse".
Im Jahr 1952 versuchte der Staat über die sogenannten
Passgesetze die Quadratur des Kreises. Auf der einen Seite
benötigte man nach wie vor billige Arbeitskräfte – und die konnte
man nur aus der Masse der schwarzen Bevölkerung rekrutieren – , zum
anderen wollte man die dadurch drohende Gefahr einer Landflucht und
die "Überschwemmung" der weißen Städte durch schwarze Arbeitskräfte
vermeiden. Also wurde die Berufswahl für schwarze Südafrikaner
stark beschnitten.
Der nächste Schlag zielte auf das Bildungssystem. Mit dem Bantu Education Act aus dem Jahr 1953 sollte die Apartheid bereits in den Schulen des Landes verwirklicht werden und die schwarzen Schüler von jeder Bildung ausgeschlossen werden. Die staatlichen Ausgaben für die Schulen der Schwarzen waren, verglichen mit denen der Weißen, verschwindend gering. Schlecht ausgebildete und unfähige Lehrer prügelten in hoffnungslos überfüllten Klassenzimmern den reduzierten Unterrichtsstoff in ihre Schüler hinein.
Das Ziel war klar: Man wollte ein willenloses, modernes Sklavenheer schaffen, das den Weißen als billige Arbeitskräfte je nach Bedarf zur Verfügung stehen musste. Nur einige Jahre früher hatten die Deutschen im besetzten Osten eine in ihren Grundzügen vergleichbare Politik betrieben.
Zu Beginn der sechziger Jahre machte der Entkolonisierungsprozess auch vor dem afrikanischen Kontinent nicht mehr länger halt. Das (weiße) Südafrika sah sich von immer mehr unabhängigen Staaten umgeben. Auf die zunehmende Kritik der Nachbarländer und auf die drohende Isolierung der letzten Bastion eines überlebten Kolonialismus musste reagiert werden. Die Lösung des seit 1958 regierenden Premierministers Verwoerd lautete: Schein-Unabhängigkeit.
Die Schwarzen erhielten bestimmte Territorien, Homelands oder Bantustans genannt, deren Kerngebiete aus den erstmals schon im Jahr 1913 festgeschriebenen, ethnisch definierten Gebieten ("native reserves" genannt) bestanden und in denen nach Ansicht der Weißen "traditionelle" afrikanische Herrschaftsstrukturen erhalten bleiben sollten. Auch hier konnte man also auf alte Strukturen der Diskriminierung aufbauen.
Die Schwarzen erhielten bei dieser Neuregelung keinerlei Mitspracherechte, sahen sich vielmehr vor vollendete Tatsachen gestellt. Eine Zustimmung der Betroffenen zur Bildung solcher, wie ein Flickenteppich über das Land verteilter, politisch und wirtschaftlich in völliger Abhängigkeit vom weißen Südafrika stehender "Staaten" hätte man auch kaum erlangen können. Alle Schwarzen mussten einem dieser Homelands angehören, auch Arbeiter, die sich gar nicht in diesen Territorien aufhielten, sondern in den Städten arbeiteten.
Mit der Schaffung der Homelands erreichte die Politik der Apartheid ein neues Stadium: das der "großen Apartheid". Die bisherige "kleine Apartheid" hatte das Alltagsleben der schwarzen Mehrheit bestimmt – die "große Apartheid" hatte die radikale räumliche Trennung im großen Maßstab zum Ziel erhoben. Davon profitierte wiederum ausschließlich die weiße Bevölkerungsminderheit, die zusammen mit Indern und Coloureds fast 90 Prozent des Staatsterritoriums für sich beanspruchte, während für 80 Prozent der Bevölkerung lediglich etwas mehr als 10 Prozent Landfläche vorgesehen waren.
Alle Industriegebiete, die Großstädte und kommerziell nutzbaren landwirtschaftlichen Regionen lagen auf den "weißen" Gebieten. Die Schwarzen, die teilweise schon seit mehreren Generationen in den Städten lebten, wurden so Gastarbeitern im eigenen Land. Allerdings war das Vorhaben der Regierung von Vornherein zum Scheitern verurteilt.
Selbst weitere Gesetze und Verordnungen, mit denen die schwarze Zuwanderung in die Städte gestoppt werden sollte, konnten nicht verhindern, dass die südafrikanische Wirtschaft, die in den sechziger Jahren kräftig wuchs, nach immer neuen (schwarzen) Arbeitskräften verlangte.
Dieser Widerspruch zwischen rassistischer Ideologie und wirtschaftlichen Erfordernissen führte dazu, dass die Grundlagen der Apartheid immer stärker in Frage gestellt wurden. Aber es sollte noch mehr als 20 Jahre dauern, bis das Apartheidsystem Bankrott anmelden musste.