Geboren wurde Jassir Arafat nach amtlichen Angaben am 27. August 1929. Sein Geburtsname war Aarafat Rahman Mohammed Abdal Rauf Arafat al Qudwa al Husseini, über seinen Geburtsort gibt es widersprüchliche Aussagen. Die palästinensische Seite behauptet, es wäre Jerusalem, das Symbol palästinensischer Selbstbestimmung schlechthin und eine der heiligsten Stätten des Islam. Andere Quellen besagen, dass Arafat in Gaza oder in Kairo geboren worden wäre.
Seine frühen Jahre verbrachte er in Ägypten, Gaza und in Jerusalem. In Ägypten schlugen zu Beginn der fünfziger Jahre nach der Machtergreifung durch die so genannten "Freien Offiziere" unter General Gamal Abd-el Nasser der Nationalismus hohe Wellen. Der Sturz des korrupten monarchistischen Systems mit König Faruk an der Spitze ließ vor allem die junge ägyptische Bevölkerung auf eine bessere Zukunft hoffen.
Die "Freien Offiziere" wollten ihr rückständiges Land mit einer Mischung aus Nationalismus, Sozialismus und Islam in die Moderne führen. Zur Zeit der ägyptischen Revolution studierte Jassir Arafat in Kairo Ingenieurswissenschaften. Er war Mitglied in der ägyptische Muslimbrüderschaft, die einen engstirnigen, fremdenfeindlichen Nationalismus und einen rückwärtsgewandten Islam predigte und mit ihrem eifernden Sendungsbewusstsein und ihrer missionarischen Intoleranz viele Anhänger in Ägypten gewannen.
Ein weiteres frühes Vorbild Arafats war sein Onkel Hadsch Amin al Husseini, der Mufti von Jerusalem. Al Husseini war einer der einflussreichsten palästinensischen Führer der dreißiger und vierziger Jahre. Er kooperierte zunächst mit der britischen Besatzungsmacht, schlug sich ab Ende der dreißiger Jahre jedoch auf die Seite Hitler-Deutschlands, um die jüdische Einwanderung nach Palästina und die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu verhindern.
Nach seinem Studium zog es Arafat nach Kuweit, wo er ein Ingenieurbüro eröffnete. Dort gründete er mit Freunden die al Fatah (was sowohl Öffnung als auch Eroberung bedeutet), die sich die Zerschlagung des im Jahr 1948 gegründeten Staates Israel und die Rückeroberung der in Folge des ersten jüdisch-arabischen Krieges verlorengegangenen palästinensischen Gebiete auf ihre Fahnen schrieb. An die Stelle Israels sollte ein säkulares und sozialistisches Palästina mit einer gemischt muslimisch-jüdisch-christlichen Bevölkerung treten.
Die verheerenden Niederlage dreier arabischer Staaten – Ägyptens, Syriens und Jordaniens – gegen das kleine Israel im Sechstagekrieg von 1967 bedeutete nicht nur das politische Ende des panarabischen Volkshelden Nasser, sondern brachte auch Jassir Arafat an die Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Militärisch hoffnungslos dem israelischen Gegner unterlegen, griff die PLO im Kampf gegen Israel zu Terrormethoden.
Die ebenso furchtbaren wie öffentlichkeitswirksamen Anschläge und Flugzeugentführungen in den späten sechziger und in den siebziger Jahren geschahen unter Arafats Verantwortung. Der spektakulärste davon war das Massaker an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen von 1972 in München. Wenn auch unter dem Dach der Sammlungsbewegung PLO viele radikale Splittergruppen für viele Attentate unmittelbar verantwortlich waren, so nutzte sie Arafat als Mittel im Kampf für die palästinensische Sache.
Ein vorläufiger Höhepunkt in Arafats politischer Karriere war sein Auftritt vor den Vereinten Nationen im November 1974. Den Appell an die Weltgemeinschaft, den Palästinensern einen eigenen Staat zuzugestehen, damit im Nahen Osten Frieden einzöge, ergänzte er mit der Warnung vor zunehmender Gewalt, falls das nicht geschähe – Teil des politischen Doppelspiels, das er im Laufe der Zeit bis zur Perfektion entwickelte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die PLO ihr erstes Waterloo gegen einen der arabischen Bruderstaaten allerdings schon hinter sich. Im Königreich Jordanien, dessen Bevölkerung mehrheitlich aus Palästinensern bestand, hatten die PLO-Guerrilleros mehr den Kampf mit dem jordanischen Staat gesucht als den mit Israel. König Hussein schlug schließlich im "schwarzen September" 1970 gewaltsam zurück. Die PLO wurde vernichtend geschlagen und musste sich aus Jordanien zurückziehen. Neues Aufmarschgebiet wurde der Libanon, wo sich die gleiche Entwicklung wie in Jordanien abspielte.
Die späten siebziger und frühen achtziger Jahren waren für Arafat und die PLO gekennzeichnet von militärischen Niederlagen und politischen Rückschlägen, die fast zum totalen Niedergang der PLO führten. Die palästinensische Guerilla ließ sich nicht nur in die Wirren des libanesischen Bürgerkriegswirren verwickeln, sondern trug durch ihr Auftreten mit dazu bei, dass der Konflikt eskalierte. Wie schon einige Jahre zuvor in Jordanien hatten die Palästinenser die schon schwache staatliche Autorität des Libanon durch ihr martialisches und kriminelles Auftreten systematisch untergraben und eine Art Staat im Staate geschaffen.
Vom Libanon aus führte die PLO ihren Kampf gegen Israel weiter, indem sie dessen nördliche Gebiete mit Raketenangriffen und Anschlägen überzog. Die israelische Invasion des Libanon im Jahr 1982 hatte dann auch die Vernichtung der PLO und mindestens die Entmachtung ihres Vorsitzenden zum Ziel. In den Trümmern des bombardierten Beirut bezogen Arafat und die PLO ihre bis dahin größte Niederlage.
Am Ende des Libanonkrieges stand der Exodus nach Tunesien. Allerdings wusste Arafat vor der Weltöffentlichkeit diese demütigende Niederlage fast noch in einen Sieg umzumünzen, erreichte er es doch, dass die geschlagenen PLO-Kämpfer vor laufenden Kameras in voller Bewaffnung aus dem Libanon abziehen durften.
Auch Arafat musste Beirut verlassen und bezog ein neues Domizil in Tunis. In den folgenden zwölf Jahren gaben sich Arafat und die PLO-Führung einem luxuriösen Leben in ihren Villen und an den Stränden Tunesiens hin, und es schien, als würde die PLO in der Bedeutungslosigkeit versinken. In den späten achtziger Jahren akzeptierte Arafat dann, machtlos und fernab seiner Heimat, dass der Kampf gegen Israel mit militärischen und terroristischen Mitteln nicht zu gewinnen war.
Im Jahr 1988 erkannte er das Existenzrecht Israels erstmals an – ein erster Schritt auf dem langen Weg der politischen Annäherung an die Realität. Im Jahr war im Gazastreifen die erste Intifada ausgebrochen, der spontane Aufstand der palästinensischen Jugend, die seit 1967 unter der israelischen Besatzung leben musste. Steinewerfende Jugendliche gegen schwerbewaffnete israelische Besatzungssoldaten ? diese Revolte trafen sowohl Israel als auch den PLO-Vorsitzenden Arafat in seinem tunesischen Exil völlig unvorbereitet.
Es spricht für Arafats politischen Instinkt, dass er die Intifada für seinen politischen Wiederaufstieg in dem Moment nutzen konnte, als ihm die völlige Bedeutungslosigkeit drohte. Auf dem PLO-Nationalkongreß von 1988 ergriff er wieder die politische Initiative und rief den Staat Palästina aus. Vorerst geschah das nur auf dem Papier und hatte keinerlei praktische Auswirkungen, aber es sollte sich als Meilenstein in der Entwicklung der PLO erweisen.
Noch wichtiger war Arafats Zusicherung, die Stellen der PLO-Charta, in denen von der "Vernichtung des Staates" Israel die Rede sei, wären hinfällig. Die Belohnung für diesen Kurswechsel erhielt Arafat von den Amerikanern, die erstmals Kontakte zu ihm aufbauten und somit als Verhandlungspartner akzeptierten.
Diese günstige Ausgangsposition zerstörte Arafat aber schon zwei Jahre später, als er im zweiten Golfkrieg, wie auch die Mehrheit der Palästinenser, Partei für Saddam Hussein ergriff. Zu Arafats Glück endete der Krieg nach wenigen Wochen mit der Niederlage Saddams und dem Rückzug der irakischen Truppen aus dem annektierten Kuweit. Die amerikanische Diplomatie, gestärkt durch den überwältigenden Sieg, konnte sich wieder dem israelisch-palästinensischen Konflikt zuwenden.
Arafat unterstützte das amerikanische Bemühen, Friedensverhandlungen zwischen den verfeindeten Parteien einzuleiten. Palästinensischer Verhandlungsführer war ein verwandter Arafats, Feisal al Husseini.
Das Abkommen von Oslo war auch ein persönlicher Triumph Arafats. In Geheimverhandlungen unter norwegischer Vermittlung wurde die gegenseitige Anerkennung und ein Rahmenabkommen über die Teilautonomie der palästinensischen Araber im Gazastreifen und im Gebiet von Jericho beschlossen. In Folgeabkommen von 1994 und 1995 legten Israel und die PLO den als vorläufig aufgefassten territorialen Umfang und den stufenweisen Rückzug der israelischen Streitkräfte bis 1999 aus diesen Gebieten fest.
Im Januar 1996 fanden in den vereinbarten Autonomiegebieten Wahlen statt. Das Ergebnis war ebenso eindeutig wie vorhersehbar; Jassir Arafat wurde zum Präsidenten der Autonomiebehörde gewählt. Zwei Jahre zuvor war Arafat zusammen mit Yitzchak Rabin und Schimon Peres, seinen israelischen Partnern, für seine Friedensbemühungen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.
Arafat schien mit seiner Politik des Ausgleichs, der er notgedrungen Ende der achtziger Jahre eingeleitet hatte, endlich zum Ziel zu kommen: die Schaffung eines palästinensischen Staates und ein friedliches Miteinander mit dem jüdischen Staat.
Nach insgesamt 27 Jahren des Exils und des Kampfes durften Arafat und die PLO-Führung schließlich im Jahr 1994 nach Palästina zurückkehren Die Hoffnungen der palästinensischen Führung erwiesen sich aber als verfrüht. Die Extremisten beider Seiten lehnten von Anfang an eine Kompromisslösung ab und taten alles, um das Abkommen scheitern zu lassen.
Yitchak Rabin, der israelische Ministerpräsident und eigentliche Motor des Friedensprozesses, fiel dem Anschlag eines israelischen Fanatikers zum Opfer, und palästinensische Selbstmordanschläge in Israel, bei denen zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen, sorgten dafür, dass mit Benjamin Netanjahu ein Politiker der nationalistischen Rechten zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, der dem von Rabin und seinem Außenminister Schimon Peres eingeleiteten Friedensprozess ablehnend gegenüberstand.
Die schwankende israelische Politik in Verbindung mit den nicht enden wollenden Selbstmordanschlägen radikaler Palästinenser hatten zur Folge, dass die Vereinbarungen immer mehr ausgehöhlt wurden und schließlich der gesamte Friedensprozess stockte. Es kam zur zweiten Intifada, die wesentlich gewalttätiger und blutiger verlief als die erste. Die Intifada bedeutete auch Arafats Scheitern. Sein Ziel, der anerkannte Präsident eines unabhängigen palästinensischen Staates zu werden, erreichte er nicht mehr.
Die israelische Führung warf ihm immer wieder vor, die Terroranschläge zumindest zu tolerieren und tatsächlich spielte auch Arafat auch hier wieder ein doppeltes Spiel: Solange es ihm nützlich schien, nahm er die Anschläge auf die israelische Zivilbevölkerung stillschweigend hin.
Am Ende verlor Jassir Arafat doppelt: Er verlor an Autorität vor allem bei den jungen Palästinensern, die sich scharenweise der radikalislamistischen Hamas zuwandten, die weiterhin die Vernichtung Israels zum politischen Ziel hatte. Und er wurde von den Israelis wieder als persona non grata betrachtet. Sein Amtssitz in Ramallah, wo er als Vorsitzender des Autonomie-Rates fungierte, wurde von israelischem Militär fast völlig zerstört und israelische Politiker mit Ministerpräsident Ariel Scharon an der Spitze brachten immer wieder die Ausweisung Arafats ins Spiel.
Arafats Sterben und sein Tod haben aber gezeigt, dass er von der Mehrheit der Palästinenser nicht nur als Verkörperung des Kampfes um die Rechte seines Volkes angesehen, sondern auch als legitimer politischer Führer einen Platz im kollektiven Gedächtnis der Palästinenser haben wird.
Autor: Matthias Seng