Drei große und folgenschwere Eroberungen prägten die Geschichte der britischen Inseln vor dem Jahr 1066: die römischen, die angelsächsischen und die durch die Wikinger. In diesem Epochenjahr besiegte Wilhelm der Eroberer, der Herzog der Normannen, die Angelsachsen und läutete eine neue Epoche in der britischen Geschichte ein.
Seit dem ersten Jahrhundert hatten die Römer ihre Herrschaft in Britannien etabliert. Mit dem Untergang des römischen Imperiums verschwanden auch die römischen Besatzer und wurden von den germanischen Volksstämmen der Angeln und Sachsen um das Jahr 400 herum abgelöst. Schon vorher war es bereits zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Römern und Sachsen gekommen.
Um das Jahr 285/86 herum fielen die Sachsen erstmals von See her in die römische Provinz Gallien ein. Sie folgten dabei einer langen kriegerischen Tradition, in deren Folge sie immer wieder die Küsten Nordgalliens und Südbritanniens unsicher gemacht hatten.
Als Abwehrmaßnahme legten die Römer zu beiden Seiten des Ärmelkanals Forts und Hafenbefestigungen an und schufen sogar einen eigenständigen Militärbezirk, Litus Saxonium, die "Sächsische Küste". Allerdings spielte das Römische Weltreich nicht nur die militärische Karte, sondern es verließ sich auch auf seine Diplomatie, mit deren Hilfe man die Sachsen auch als Bundesgenossen in ihr Herrschaftsgefüge eingliederte.
Die Sachsen waren ursprünglich zwischen dem ersten und dem fünften Jahrhundert von Jütland aus in die Region zwischen Elbe und Weser eingewandert, wo sie zu Nachbarn der Angeln und Jüten wurden. Alle diese germanischen Stammesgruppen waren untereinander unabhängig, es gab keine Zentralinstanz, etwa in Gestalt eines Königs, der die Herrschaft über sie ausgeübt hätte.
Aufgrund der zunehmenden sächsischen Angriffe sah sich Konstantin III. im Jahr 407 schließlich gezwungen, die letzten römischen Truppen von der britischen Halbinsel abzuziehen. Das war das Ende der römischen Herrschaft in und über Britannien.
Die vom europäischen Kontinent her einströmenden Sachsen und Angeln vertrieben Teile der ursprünglichen keltisch-britischen Bevölkerung der britischen Insel und siedelten sich zunächst in East Anglia, den Midlands, Lincolnshire und dem östlichen Yorkshire an.
Widerstand gegen die Eindringlinge leisteten vor allem die Städte südlich der Themse, die aber schließlich – von den Römern militärisch im Stich gelassen – zum gleichen Mittel wie die Römer einige Zeit vorher greifen mussten: Sie machten die Angelsachsen zu ihren Bundesgenossen, um Schlimmeres – also vor allem weiteres angelsächsisches Vordringen, aber auch eine drohende Invasion der Pikten von Schottland aus, zu verhindern.
Im Zuge dieses politischen Beschwichtigungsprogramms kam es ? nach britischer Einladung ? sogar zur Niederlassung von jütländischen Stämmen in Kent, einer Art frühmittelalterlicher kontrollierter Einwanderung. Die britische Taktik der Einbindung funktionierte aber nur einige Jahre, bis die Bundesgenossen den Aufstand wagten. In langen Kämpfen gelang es ihnen, die Briten immer weiter nach Westen abzudrängen und sich neue Siedlungsgebiete zu erobern: Essex, Middlesex und Sussex.
Bis zum Ende des siebten Jahrhunderts hatten die Eroberer ihre Herrschaft auf den allergrößten Teil Englands ausgedehnt, nur die britischen Herrschaften Dumnonia, Wales, Cumbria sowie Schottland konnten ihre Unabhängigkeit behaupten.
Bis weit in das sechste Jahrhundert hinein war das sächsische Herrschaftsgefüge in den neu besiedelten Gebieten dem der kontinentalen Herkunftsorte vergleichbar. Es gab über lange Zeit hin kein Königtum, sondern nur eine Vielzahl von dezentralen Herrschaften. Erst ab dem ausgehenden sechsten Jahrhundert entwickelten sich nach und nach insgesamt sieben verschiedene Königsherrschaften: Kent, Essex, Sussex, Wessex, East Anglia, Mercia und Northumbria.
Als erstes angelsächsisches Königreich ging das überwiegend von Jüten besiedelte Kent in die Geschichte ein, wobei sich die Einwanderer auf größtenteils noch intakte römische Verwaltungsstrukturen und eine entwickelte städtische Kultur stützen konnten.
Nachdem sich die verschiedenen Königreiche herauskristallisiert hatten, gab es bis zum Ende der angelsächsischen Herrschaft immer wieder Kriege um die Vorherrschaft in Britannien. Dabei bekriegten sich die angelsächsischen Stämme untereinander heftiger als die Briten und Schotten, mit denen es allerdings auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Als Sieger aus diesen langwierigen Kämpfen gingen schließlich die beiden Königreiche Northumbria und Mercia hervor, die sich eine militärische und politische Vormachtstellung sichern konnten.
Das Christentum war schon unter der keltischen und römischen Bevölkerung Britanniens weit verbreitet und besonders fest in den römischen Städtesiedlungen verankert. Mit dem Vordringen der heidnischen Angelsachsen verschwand zunächst auch dass Christentum.
Im Jahr 597 begann mit der Ankunft des von Papst Gregor I. entsandten Benediktinerabtes Augustinus die systematische Missionierung der Angelsachsen. Es dauerte 35 Jahre, bis die Könige von Kent, Essex, East Anglia und Northumbria zum Christentum übergetreten waren. Trotz zahlreicher Rückschläge ? nach dem Tod des zum Christentum übergetretenen Königs Aethelberht von Kent etwa mussten die Missionare Britannien vorübergehend verlassen ? blieb Südengland eine Hochburg der päpstlichen Mission.
Die Königreiche Northumbria und Mercia unterlagen der irischen Mission. Deren Zentrum war anfangs das im Jahr 565 gegründete Kloster Iona vor der Südwestküste Schottlands. In Nordengland begann die Missionierung erst nach 634 mit Aidan, dem Bischof von Lindisfarne.
Es waren vor allem die dynastischen Beziehungen zwischen christlichen und heidnischen Königsfamilien, über die sich das Christentum schließlich auch nach Mercia ausbreitete, neben Northumbria das mächtigste der angelsächsischen Königreiche. In Wessex und East Anglia waren vor allem fränkische Missionare aus Gallien tätig.
Die Christianisierung Britanniens war ein frühes christlich-europäisches Projekt, an dem sich verschiedene Kräfte beteiligten, die oftmals in Konkurrenz zueinander standen. Auf der Synode von Whitby 663/664 etwa kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen irischer und römischer Geistlichkeit wegen der Datierung des Osterfestes. Gemeinsam war aber allen Strömungen, dass sie bei den Königen und dem Adel ansetzten und von da aus erst der christliche Glaube in die Bevölkerung vordrang.
Am Ende orientierte sich die angelsächsische Kirche nach Rom und um das Jahr 700 herum war die Christianisierung des Landes abgeschlossen.
Mit dem Christentum hielten auch das Klosterwesen und die lateinisch-christliche Schriftkultur Einzug nach Britannien. Parallel dazu blühten Literatur und Gelehrsamkeit auf: geistliche Dichtungen, Heiligenlegenden und Lyrik, aber auch Gesetzessammlungen und historiografische Literatur.
Bis in das neunte Jahrhundert hinein waren die Angelsachsen schließlich zur größten Bevölkerungsgruppe innerhalb Britanniens angewachsen. Die Kämpfe zwischen den verschiedenen Königreichen fanden im Jahr 825 ihren Höhepunkt, als König Egbert, der Herrscher Wessex?, die Kontrolle über Südengland, Mercia und Northumbria erlangte und schließlich ein angelsächsischen Königreich entstand, das sich noch gegen die dänischen und norwegischen Wikinger behaupten konnte, dem normannischen Ansturm im Jahr 1066 dann aber unterlag.
Autor: Matthias Seng