Die Indianer Nordamerikas waren bis zur Ankunft der Europäer keine Nomaden, sondern überwiegend sesshafte Ackerbauern, die den Neuankömmlingen zivilisatorisch und sogar militärisch überlegen waren.
Es waren keine unzivilisierten Barbaren, auf die Christoph Kolumbus traf, als er im Jahr 1492 im Auftrag der spanischen Krone den Boden des Kontinents betrat, der später Amerika genannt werden sollte.
Vom Atlantik bis zum Pazifik hatten sich im Laufe der Jahrtausende indianische Kulturen etabliert, die ein Entwicklungsstadium erreicht hatten, demgegenüber die europäischen Neuankömmlinge wie die Barbaren wirkten. Die so genannte "Neue Welt" konnte nicht nur mühelos mit den – meist noch ausgesprochen bescheidenen – zivilisatorischen Errungenschaften der "Alten" mithalten, sondern auch auf eine längere Vergangenheit zurückblicken als diese.
Genetischen Forschungen zufolge wanderten die Vorfahren der amerikanischen Indianer nicht erst rund 13.000 Jahre vor Ankunft der Europäer über eine damals noch existierende Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska nach Amerika ein, sondern bereits viel früher: Die Schätzungen reichen von 22.000 bis zu 30.000 Jahren. Zu dieser Zeit waren die nördlichen Teile Europas noch eine lebensfeindliche und deshalb menschenleere Eiswüste.
Jenseits des Atlantiks schufen sich die Indianer dagegen blühende Landschaften. Unmittelbar vor der Ankunft Kolumbus' lebten wahrscheinlich mehr als 100 Millionen Menschen über den ganzen Kontinent verteilt. Entlang der großen Ströme des Landes wie dem Amazonas entstanden bedeutende Siedlungen mit Tausenden von Bewohnern.
Reiseberichte aus der damaligen Zeit, verfasst von den europäischen Neuankömmlingen, verdeutlichen, wie sehr die Europäer über die Lebensweise der Indianer in Nord- und Südamerika ins Staunen gerieten. Sie entwarfen ein Bild von prosperierenden, autarken Gemeinwesen, die keineswegs der Errungenschaften der europäischen Zivilisation bedurften.
Im Amazonasbecken etwa, dessen Regenwälder ebenfalls stärker bewohnt waren als bisher angenommen, pflanzten die Bewohner systematisch Bäume, von deren Früchten sie lebten. In der nördlichen Hälfte des Kontinents lebten die Indianer vom Ackerbau, und der Maisanbau hatte, von Mexiko ausgehend, eine schon 4.000 Jahre alte Tradition, bevor die ersten Europäer amerikanischen Boden betraten.
Die endlosen Prärien des amerikanischen Nordwestens entstanden erst, als die Indianer im Laufe von Jahrtausenden immer größere Waldgebiete abbrannten, um Platz zu schaffen für Nuss- und Obstbäume, aber auch, um Raum für Bisons und Hirsche zu gewinnen, die von ihnen gejagt wurden. Bis zur Ankunft der Spanier mussten die Indianer ihrer Beute allerdings zu Fuß nachstellen, erst mit der Verbreitung von Pferden ging die Jagd leichter vor sich.
Die ersten Europäer hatten keinen leichten Stand auf dem amerikanischen Kontinent. Entgegen landläufigen Meinungen waren sie den Indianern in beinahe allen Belangen unterlegen. Sie waren zu wenige, zu schlecht bewaffnet und organisiert und stellten deshalb keine ernstzunehmende Bedrohung für die einheimische Bevölkerung dar.
An der Atlantikküste lebten gegen Ende des 15. Jahrhunderts rund 100.000 Indianer, denen zunächst nur ein paar hundert Europäer gegenüberstanden. Sogar mehr als 100 Jahre später, um 1620, betrug die weiße Bevölkerung in Nordamerika nicht mehr als rund 2.000 Menschen.
Da die Indianer nicht nur an Zahl, sondern auch an Bewaffnung den Neuankömmlingen überlegen waren, gelang es in den ersten Jahrzehnten nirgendwo entlang der Küste, eine europäische Siedlung zu gründen. Die Indianer kämpften erfolgreich mit ihren traditionellen Waffen Pfeil und Bogen. Die Spanier und später Franzosen und Engländer hatten zwar weiterreichende Musketen oder Vorderlader. Aber da diese nach jedem Schuss umständlich und zeitraubend wieder mit Schießpulver geladen werden mussten, behielten die indianischen Bogenschützen anfangs fast immer die Oberhand über die feindlichen Musketiere.
Noch bis zur Einführung des Repetiergewehrs bei den US-Truppen im Jahr 1867 waren die Indianer ihren Gegnern waffentechnisch gewachsen. Es waren neben dem Repetiergewehr der brutale und unterschiedslose Einsatz von Haubitzen und Schnellfeuergewehren, die den Kampf zwischen Indianern und Weißen schließlich zu einem Massaker an Wehrlosen gerieten ließ.
Auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts mussten die Indianer die Europäer noch nicht fürchten. Sie konnten aus einer Position der Stärke heraus mit den Weißen handeln und verhandeln. Europäische Siedlungen duldete man nach wie vor nicht, trieb aber bereitwillig Handel mit den Fremden.
Dabei wunderten sich die Indianer über die mangelnde Hygiene bei den Europäern. Viele von ihnen kannten beispielsweise nicht den wohltuenden gesundheitssteigernden Effekt regelmäßiger Körperreinigung – war es doch in der ?Alten Welt? immer noch üblich, dass die Landbevölkerung mit ihren Nutzvieh in einem Haus, teilweise sogar in denselben Räumen lebten. Der Begriff ?Haustiere? hatte hier seine wortwörtliche Entsprechung. Immer wiederkehrende, von den Tieren ausgehende Seuchen wie Pocken oder Masern waren für Europäer eine Gefahr, die sie als alltägliche Erscheinungen hinnahmen, gegen die ihre Körper aber schließlich Abwehrkräfte entwickelten.
Mit den europäischen Eroberern kamen auch die europäischen Seuchen nach Amerika. Die Indianer, die getrennt von ihren Nutztieren lebten und deshalb all diese Krankheitserreger nicht kannten, waren den Viren schutzlos ausgeliefert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Erreger von den Neuankömmlingen auf die einheimische Bevölkerung überspringen würden.
Im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts wüteten die ersten Seuchen unter der indianischen Bevölkerung der nordamerikanischen Atlantikküste, und als im Jahr 1620 schließlich die berühmte "Mayflower" mit den ersten englischen Pilgervätern an Bord den amerikanischen Kontinent erreichte, waren bereits weite Landstriche des Ostens menschenleer. Bis zu 90 Prozent der Indianer dieser Gebiete waren den verheerenden Seuchen zum Opfer gefallen, ganze Stämme ausgerottet worden, ohne dass ein Schuss gefallen wäre.
Mehrere Millionen Indianer wurden Opfer von Viren und Bakterien, die von den Weißen eingeschleppt worden waren – eine demografische Katastrophe ohnegleichen. Als die Europäer erkannten, welch tödliche Wirkung ihre Krankheitserreger hatten, gingen sie teilweise sogar dazu über, Viren und Bakterien als "biologische Waffen" gegen die indianische Bevölkerung einzusetzen.
Das Ergebnis war das von ihnen gewünschte: Die tödlich geschwächten Stämme waren kein ernsthafter Gegner mehr und mussten ohnmächtig mitansehen, wie ihre Gegner im Osten Amerikas erste Siedlungen gründeten und sie nach und nach aus ihren angestammten Gebieten vertrieben.
Als die Massenimmigration nach Nordamerika einsetzte, waren die früheren Bewohner des Landes längst ausgerottet, und nur so konnten die Einwanderer den Eindruck gewinnen, ein menschenleeres Land in Besitz zu nehmen.
Autor: Matthias Seng