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Alltag in der Ritterburg

04.09.2009 - 24:00 Uhr
Alltag in der Ritterburg
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Alltag in der Ritterburg

 

Die Ritter waren Teil der mittelalterlichen Agrargesellschaft. Mehr als 90 Prozent der damaligen Bevölkerung waren Bauern. Auf den ritterlichen Gütern wurden von Bauern die Erträge erwirtschaftet, welche die Grundlage des Wohlstands eines Ritters und seiner Familie waren.

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Der Alltag eines Ritters war weit weniger aufregend und abenteuerlich, als man sich das heute vorstellen mag. Schlachten und Kriege waren in der Regel nur der letzte Ausweg, das äußerste Mittel, um einen Konflikt zu lösen, und keineswegs das bestimmende Moment im Leben eines Ritters.

Zudem bestimmten in viel stärkerem Maße Wetter und der Jahreszyklus das militärische Geschehen als heutzutage und schränkten den Zeitraum, in dem gekämpft werden konnte, ganz erheblich ein. Die meisten Schlachten fanden im Spätsommer statt, wenn die Ernte eingebracht war, die Tage aber noch warm genug waren, um sich über Wochen hin im Freien aufhalten zu können.

Viel wichtiger als zu kämpfen war die Notwendigkeit, für den täglichen Lebensunterhalt zu sorgen. Die ritterliche Existenz war viel zu abhängig von den Gesetzen der Natur, als dass man diese hätte ignorieren können.

Nachdem im Sommer die Ernte eingefahren und die Lager für den langen, oftmals harten Winter gefüllt waren, nahm man im Herbst die Abgaben der Bauern entgegen und wurden die Zuchttiere geschlachtet, weil man sie über den Winter nicht durchfüttern konnte. Auf den abgeernteten Feldern wurden zudem gerne große Jagden veranstaltet.

Der Winter war die ungemütlichste und härteste Zeit im Leben eines Ritters. Er verbrachte die Zeit meistens bei seiner Familie in schlecht geheizten Räumen und vertrieb sich die Zeit mit Brett- und Würfelspielen.

In den Wintermonaten wandelten sich die Burgen aus romantisch-erhabenen, idyllisch gelegenen Festungen in feuchte, kalte, dunkle Verliese. Meistens waren nur wenige Räume in der Burg überhaupt beheizt. Schlafräume und die Zimmer der Dienerschaft blieben grundsätzlich unbeheizt. Die offenen Fenster wurden mit durchsichtigen Häuten, Pergament oder mit Holzläden verhängt, die Ritzen der Mauern mit Moos oder Stroh verstopft.

Nur wenige Hochadelige konnten es sich leisten, Glasscheiben einzusetzen, die zudem so trübe waren, dass kaum Sonnenlicht in die Räume dringen konnte. Innen behängte man die kalten Mauern mit Wandteppichen, um ein wenig Farbe in die tristen Räume zu bringen, aber vor allem, um die Kälte zu lindern.

Meistens waren die Räume nur schwach beleuchtet: Es gab ? relativ teure ? Kerzen aus Bienenwachs, Kiesspanfackeln und Talglampen. Unangenehmer Nebeneffekt dieser Art von Beleuchtung: es rußte sehr stark und roch oftmals auch nicht sehr angenehm. Vor allem in den kleine Burgen hielt sich die ritterliche Familie meistens nur in einem beheizten Raum auf, der Kemenate. Dort stand ein großer Kamin, in dem ein offenes Feuer brannte, um das herum sich das Familienleben abspielte.

Der Hochadel besaß das Privileg, zwei Räume beheizen zu können: In der Küche wurde gekocht, und von hier aus wurde der Ofen des benachbarten Wohnraumes beheizt. Erst im elften und zwölften Jahrhundert, als die Ritter in mehrstöckigen Turmhäusern wohnten, wurden Küche und Wohnräume gewöhnlich auf mehrere Etagen verteilt.

Mit der Erfindung des Kachelofens im zwölften Jahrhundert gelang es, die Wohnsituation im Winter grundlegend zu verbessern. Kachelöfen hielten die Wärme viel länger als die bisherigen Öfen aus Tuffsteinplatten und reduzierten zudem die Brandgefahr.

Die Innenausstattung der Räume war bis ins hohe Mittelalter hinein eher spartanisch und auf das unbedingt Nötige begrenzt: Man saß auf Hockern oder Bänken, brachte den Tisch lediglich zum Essen in den Raum und verzierte die Wände mit Wandvorhängen und Schmuck.

Mittelalterlichen Romanen zufolge wurde die Körperpflege intensiv betrieben. Es gab Waschzuber, die entweder ins Freie oder in ein Zimmer gestellt wurden, aber auch regelrechte Badestuben, wo auch Dampfbäder genommen wurden. Diesen Luxus konnten sich lange Zeit jedoch nur die hochadeligen Ritter erlauben. Fast überall soll es Seife, Bürsten, Zahnbürsten und Reiniger für die Fingernägel und die Ohren gegeben haben.

Manche ritterliche Dame soll sich sogar schon die Kunst des Make-up gekannt haben. Mit Beginn der Kreuzzüge fanden sogar parfürmierte Seifen aus den eroberten Gebieten Eingang in die Burgen.

Es gibt aber auch Berichte, die zum Thema Körperreinigung Anlass zur Skepsis geben: Unangenehm riechende Ritter sollen die feineren Geruchsnerven von Stadtbewohnern belästigt haben. Das ist insofern glaubhaft, als in den meisten Burgen etwa die Wasserversorgung des Viehs wichtiger war als die regelmäßige Säuberung des eigenen Körpers; aus Sicht der Burgbewohner mit einigem Recht, denn ein wohlriechender Körper konnte kaum ein verdurstetes (Schlachten-)Pferd aufwiegen.

Ein Kapitel für sich waren Toilettenanlagen. Im frühen Mittelalter waren die ersten von ihnen in Klöstern errichtet worden; allerdings gab es dort in Gestalt der Flüsse ein funktionierendes Abwassersystem. Auf dem oftmals beengten Raum der Burgen und wegen des zumindest zeitweisen Wassermangels wurden meistens einfachere Toiletten über einer Senkgrube errichtet, in der sich die Exkremente sammelten.

Gefährlicher Nebeneffekt dieser Sickergruben war, dass in der Nähe gelegene Zisternen oder Brunnen oft mit Viren oder Bakterien verseucht wurden, was wiederum zu Infektionen und Durchfall bei den Burgbewohnern führte. Erst so genannte Aborterker ? "Toilettenhäuschen", die an der Turmmauer angebracht waren ? führten zu einer Besserung der hygienischen Verhältnisse. Im freien Fall, nur teilweise durch Fallschächte für das Auge unsichtbar gemacht, landeten dann die Exkremente im Burggraben. Zudem gab es, vor allem im Winter wichtig, noch Nachttöpfe aus Holz und Ton.

Für das Überleben auf einer Burg unerlässlich war eine gesicherte Wasserversorgung. Die frühen Höfe und Burgen lagen meistens in Tälern und konnten daher problemlos an den natürlichen Wasserkreislauf von Flüssen und Bächen angeschlossen werden. Hochgelegene Burgen erhielten oft aus Brunnen ihr Wasser, die oft in jahrelanger, teurer Arbeit angelegt werden mussten.

Viele dieser Brunnen waren bis zu 70 Meter tief, einige sogar 140 Meter. Gab es keine Möglichkeiten, Brunnen zu bohren, wurden Zisternen angelegt, in denen sich das Regen- und Schmelzwasser sammelte. Dabei wurde die Qualität des Wassers durch einfache Filter aus Kies, Schotter oder Sand verbessert. Trotz Brunnen und Zisternen war es oftmals nötig und üblich, frisches Wasser aus dem Tal zur Burg zu transportieren. Huckepack oder mit Eseln wurde aus mehreren Kilometern das Wasser herangeschafft. Für diese Aufgabe waren Knechte und Mägde zuständig.

Die Ernährung war im Mittelalter das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Ständen. Dabei unterschied sich die Qualität der Nahrung von Bauern und ? vor allem niederen ? Rittern kaum.

Wichtigster Bestandteil der täglichen Nahrung war Getreide und die daraus erzeugten Lebensmittel und Gerichte: Brot, Grützebrei, Bier(!), aber auch Fladen, Brezeln oder Semmeln.

Demgegenüber war alles über diese Grundlagen Hinausgehende nur Zutat. Die Bauern ernährten sich fast vollständig von Getreideprodukten, die Ritter zum größten Teil. Fleisch war ein begehrtes zusätzliches Lebensmittel, vor allem Schwein und Rind, weniger Wild.

Ein Ritter, vor allem einer aus dem Hochadel, aß ungefähr das Vierfache von dem, was ein Bauer an Fleisch verzehrte. Fisch stand oft auf dem Speiseplan, vor allem an einem der zahlreichen Fastentage, von denen es im Mittelalter nicht weniger als 70 gab. An diesen Tagen durfte kein Fleisch gegessen werden.

Gemüse, oft im Burggarten angebaut, deckte den Bedarf an Vitaminen, Obst lieferte die Natur: Äpfel, Birnen, Weintrauben. Im Wald sammelte man Eicheln, Nüsse und Kastanien. Alles das wurde oft auch weiterverarbeitet zu Wein, Gelee oder Sirup. Überhaupt scheint Wein, da die Wasserqualität oft zu wünschen übrig ließ, auch gegen den Durst verwendet worden zu sein. Wohlhabende Ritter konnten sich zudem fernöstliche Gewürze wie Safran, Ingwer oder Pfeffer leisten.


Die ritterliche Kleidung kannte kaum Unterschiede zwischen Mann, Frau und Kind. Getragen wurden lange Untergewänder, darüber kam ein Überrock, der ebenfalls bis zum Boden reichte.

Modische Neuerungen trafen vor allem von Seiten der Kirche auf scharfe Kritik, etwa, als die Männer begannen, das Obergewand an der Vorderseite zu kürzen, um mehr Bein zeigen zu können. Aber weil für den Adel die Kleidung auch Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung war, kam es immer wieder zu Veränderungen, vor allem, was Schnitt und Farbe der Gewänder anbelangt. Ritter aus dem Hochadel unterschieden sich von ihren niederen Standesgenossen durch die Farbenpracht ihrer Kleider.

Unterbrochen und angereichert wurde das tägliche Einerlei auf einer Burg durch Festessen, die zu den Höhepunkten im Jahresablauf zählten. Vor allem niedere Ritter nahmen Einladungen zu Festbanketten gerne an, weil sich ihnen so die Möglichkeit bot, sich einmal richtig satt essen zu können.

Ihre höheren Standesgenossen konnten dagegen ihren Reichtum zur Schau stellen. Anlässe zu einem Festbankett boten sich zur Genüge: christliche Feiertage, Geburtstage und Hochzeiten, Taufe und Tod oder die Durchreise des Lehnsherrn, dem zu Ehren ein Fest veranstaltet wurde.

Unterhaltung und Meinungsaustausch waren mindestens ebenso wichtig wie das Essen an sich. Serviert wurde in mehreren Gängen, was die Vorratskammern des Hauses hergaben. Sogar noch bei der Tischordnung war der gesellschaftliche Status der Anwesenden erkennbar. Die Platzwahl erfolgte streng nach Rangordnung, in manchen Burgen saß der Burgherr mit den hochgestellten Gästen auf einem Podest, während sich das niedere Volk ein Stück weiter unten vergnügen durfte.

Spätestens seit dem zwölften Jahrhundert zählten auch große Turniere zu den festlichen Anlässen. Zu den Festen wurde getanzt, umherziehende Musikanten und Spielleute sorgten für die Untermalung. An den großen Höfen spielten ganze Orchester auf, bestehend aus Trommeln, Fiedeln, Harfen und Flöten. Mit dem Wort Turnier bezeichnete man ursprünglich die Kämpfe berittener Krieger, erst später wurden sie zu einem ritualisierten Kampfspiel und einem höfischen Großereignis. Hier konnte sich der Ritter bewähren und sein Können in puncto Waffenführung und Mut unter Beweis stellen.

Allerdings waren Turniere oftmals ziemlich blutige Angelegenheiten, was die Kirche schließlich zum Eingreifen bewog. Mehrmals wurde ein Turnierverbot ausgesprochen, das sich aber in der Praxis nicht durchsetzen ließ. Nicht zuletzt, weil auch geistliche Würdenträger zu den begeisterten Zuschauer gehörten.

Die Historiker Andreas Schlunk und Robert Giersch liefern in ihrem mit 230 Abbildungen geschmückten Buch " Die Ritter. Geschichte – Kultur – Alltagsleben" einen anschaulichen und breit gefächerten Überblick über die Entwicklung des Rittertums vom Anfang des Karolingerreiches im achten/ neunten Jahrhundert bis zum beginn der Neuzeit im 15. Jahrhundert. Der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer vermittelt den Lesern in 19 Kapiteln, was es mit dem Leben der Ritter auf sich hatte.

Von den historischen Entstehungsbedingungen des Rittertums, seinen ausgeprägten Idealen und äußeren Formen, der engen Verzahnung von Religion und Kampf in Kriegen und Kreuzzügen zur Verteidigung von Kirche und König – oder zur Vermehrung deren Macht – bis zum Alltag in den Ritterburgen, bei Festen oder Turnieren: Hier taucht man in eine untergegangene Welt ein, die bis heute charakteristisch für das Bild des Hochmittelalter ist, das man sich gewöhnlich von dieser Zeit macht.

In einer klaren und leicht verständlichen Sprache gelingt es den beiden Autoren, den ersten Wissensdurst zu stillen und auch mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, so etwa mit dem (Zerr-)Bild vom Raubritter. Zudem erfährt man viele Dinge aus dem Alltag eines Ritters: Wie er sich auf seinen Burgen mit Lebensmitteln und Wasser versorgte, wie ungemütlich es im Winter auf den Burgen zuging und wie es um Hygiene und Sauberkeit bestellt war. Wem dieser erste Überblick über das Thema nicht reicht, wird anhand der reichhaltigen Literaturliste auf die Vielzahl vertiefender Literatur aufmerksam gemacht.

Autor: Matthias Seng

Quelle: freenet.de
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